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Interview - Thema: "Weil Sterben auch Leben ist"

Die Hospiz-Idee hat ihren Ursprung in Großbritannien - Heute ist sie in aller Welt verbreitet

Rainer Maria Rilkes Gedichtzyklus "Buch der Bilder" endet mit einem Vers, der den prosaischen Titel "Schlussstück" trägt: "Der Tod ist groß. Wir sind die Seinen lachenden Munds. Wenn wir uns mitten im Leben meinen, wagt er zu weinen mitten in uns". Damals war Rilke (1875 bis 1926) erst 27 Jahre alt und mit dem Tod hatte er sich offensichtlich längst auseinander gesetzt, wie viele andere Künstler auch.

Ansonsten haben die Menschen das Thema Sterben vielleicht schon immer gerne verdrängt. In der heutigen Zeit jedoch, in der sich die Gesellschaft auf pralles Leben, satte Vitalität und ewige Jugend fixiert hat, wird der Tod immer mehr als Fremdkörper empfunden. Gleichzeitig wächst offenbar die innere Distanz vieler Menschen zu Sterbenden ebenso wie zum eigenen Sterben - obwohl der Tod doch allgegenwärtig ist. Die Hospiz-Bewegung, die sich um ein humanes Sterben und um die Geborgenheit Sterbender kümmert, erinnert immer wieder daran, dass "Sterben auch Leben" ist, eben Leben vor dem Tod.

Ihren Ursprung hat die Hospiz-Idee in Großbritannien. Dort eröffnete die Ärztin Cicely Saunders 1967 in dem Londoner Vorort Sydenham das "St. Christopher`s Hospice", ein Haus, das den Sterbenden, aber auch ihren Angehörigen einen besonderen Platz bieten sollte. Schon die Namensgebung durfte keinesfalls an Krankenhaus erinnern. Saunders knüpfte vielmehr an eine mittelalterliche Tradition an: Damals nannte man Herbergen in kirchlicher Hand Hospize. Dort wurde den Pilgern auf ihrer Reise Unterkunft, Pflege und Stärkung angeboten. Das Hospiz des 20. Jahrhunderts soll nach dem Willen von Cicely Saunders ein Ort für Menschen am Ende ihrer irdischen Pilgerreise sein. Es soll ihnen all das bieten, was sie benötigen, um gestärkt ihren letzten Weg zu gehen. Das Innere des Hauses, das etwa 50 Patienten Platz bietet, gestaltete Saunders freundlich und licht durch große Fenster mit Blick in den Park. Heute ist die Hospiz-Idee in aller Welt verbreitet. Die meisten Einrichtungen gibt es jedoch im englischsprachigen Raum, in Großbritannien, USA und auch in Kanada. In Deutschland etablierte sich die Bewegung in den 80er Jahren (1983 gab es die erste Palliativ-Station, 1984 die erste ambulante Hospiz-Gruppe und 1986 das erste stationäre Hospiz), recht spät also. Grund dafür war nach Angaben der Organisation die zunächst ablehnende Haltung der Kirchen in Deutschland, die auf einem Missverständnis beruhte. In einer Übersetzung aus dem Englischen war von "Sterbeklinik" die Rede. Das war den Kirchen nicht geheuer, man vermutete dahinter wohl einen Organisation für Sterbehilfe. Mittlerweile unterstützen konfessionelle Einrichtungen die Hospiz-Idee in besonderem Maße. So gibt es heute in Deutschland mindestens 700 ambulante Hospiz-Gruppen und -Dienste, 78 stationäre Hospize und 62 Palliativ-Stationen. Dennoch ist die Versorgung in Deutschland im Vergleich mit Großbritannien eher mager: Während dort 54 Betten auf eine Million Einwohner kommen, sind es in Deutschland nur 15.

Die eigentliche Philosophie der Hospiz-Arbeit verdeutlicht eine Definition der Nationalen Hospiz-Organisation der USA: "Hospize bejahen das Leben. Hospize machen es sich zur Aufgabe, Menschen in der letzten Phase einer unheilbaren Krankheit zu unterstützen und zu pflegen, damit sie in dieser Zeit so bewusst und zufrieden wie möglich leben können. Hospize wollen den Tod weder beschleunigen noch hinauszögern. Hospize leben aus der Hoffnung und Überzeugung, dass sich Patienten und ihre Familien so weit geistig und spirituell auf den Tod vorbereiten können, dass sie bereit sind, ihn anzunehmen. Voraussetzung hierfür ist, dass eine angemessene Pflege gewährleistet ist und es gelingt, eine Gemeinschaft von Menschen zu bilden, die sich ihrer Bedürfnisse verständnisvoll annimmt.

IRIS NEU, Paul Herrlein - 21. Juli 2001


Interview - Thema: "Wir wollen die Lebensqualität Sterbender bis zuletzt erhalten"

Paul Herrlein von der Landesarbeitsgemeinschaft Hospiz: "Oft werden Menschen in der letzten Lebensphase nicht ernst genommen"

Die Hospiz-Bewegung kümmert sich um die medizinische, psychosoziale und religiöse Begleitung Sterbender. Dabei geht es der Organisation vor allem darum, dass Menschen in ihrer letzten Lebensphase nicht ins Abseits gedrängt werden, sondern als Personen ernst genommen werden. Dazu ein Gespräch mit Paul Herrlein, dem Vorsitzenden der Landesarbeitsgemeinschaft Hospiz Saarland der Deutschen Hospizstiftung in Saarbrücken

Frage: Wie unterscheidet sich die Sterbebegleitung der Hospiz-Bewegung von anderen, etwa in Pflegeheimen?
Herrlein: Sie unterscheidet sich schon einmal dadurch, dass es in den Pflegeheimen nicht vorrangig um sterbenskranke Menschen geht, sondern um pflegebedürftige, ältere Menschen. Diese Pflegeeinrichtungen sind auch in fachlicher, struktureller und räumlicher Hinsicht nicht auf die Begleitung von Sterbenden vorbereitet. Speziell das aber hat sich die Hospizbewegung zur Aufgabe gemacht. Dazu gehören in medizinischer Hinsicht eine angemessene Sicherstellung der Schmerztherapie und Symptom-Kontrolle, eine palliativ-medizinische Versorgung also, und die psychosoziale Begleitung. Unsere Arbeit endet zudem nicht mit dem Tod eines Menschen, zu unseren Aufgaben gehört auch die Trauerbegleitung der Angehörigen.

Frage: Was ist der Kerngedanke, die Philosophie der Hospiz-Bewegung?
Herrlein: Unser Kerngedanke ist zunächst einmal, dass wir sterbenskranke Menschen genauso ernst nehmen wie jeden gesunden Menschen. Das klingt zunächst sehr einfach, weist aber auf den Kern des Problems hin: Nämlich dass Menschen in dieser schwierigen Situation oft nicht ernst genommen werden von Ärzten, Pflegern oder auch Angehörigen. Unsere Philosophie besteht darin, Selbstbestimmungsrecht, die Kompetenzen des Patienten ernst zu nehmen und seine Lebensqualität bis zuletzt zu erhalten.

Frage: Wer wendet sich eigentlich an Ihre Organisation?
Herrlein: Oft sind es Krankenhäuser, die dies für Patienten tun, aber es sind auch Angehörige, die beispielsweise durch die Medien auf uns aufmerksam werden. Hin und wieder kommen auch niedergelassene Ärzte oder Pflegedienste auf uns zu.

Frage: Die Kranken selber nicht?
Herrlein: Das ist relativ selten, weil sie oft nicht mehr dazu in der Lage sind.

Frage: Mit welchen Krankheitsbildern haben Hospiz-Mitarbeiter in der Regel zu tun?
Herrlein: Rund 80 Prozent der Menschen sind Krebskranke, die übrigen 20 Pozent Aids-Kranke sowie Patienten, die an Multipler Sklerose und anderen fortschreitenden Erkrankungen des Nervensystems leiden oder sich im Endstadium einer chronischen Erkrankung, etwa der Nieren oder des Herzens, befinden.

Frage: Von welchem Zeitpunkt an kommt eine Hospiz-Begleitung in Frage?
Herrlein: Dann, wenn die Medizin an dem Punkt angelangt ist, wo eine sinnvolle Behandlung einer Grunderkrankung nicht mehr möglich ist. Dabei stellt sich die Frage nach Hospiz-Begleitung einerseits und nach palliativ-medizinischer Versorgung andererseits.

Frage: Wie kommen Schwerstkranke in stationären Hospizen mit dem Bewusstsein klar, dass sie die Einrichtung voraussichtlich nicht mehr lebend verlassen werden?
Herrlein: Es kommt durchaus vor, dass Kranke wieder nach Hause gehen, etwa wenn sich bei einem Aids-Patienten oder Krebskranken der Zustand wieder stabilisiert. In der Palliativ-Station sterben etwa 50 bis 60 Prozent der Patienten, viele verlassen die Einrichtung wieder. In den stationären Hospizen sterben jedoch über 90 Prozent der Menschen. Es stimmt aber, dass sich viele Menschen sehr schwer tun, ein Hospiz in Anspruch zu nehmen, weil sie sehr wohl wissen, dass es um die letzte Lebensphase geht. Andere wiederum sind sehr erleichtert, dass sie endlich eine angemessene Hilfe haben, wenn das Sterben ihr Leben ganz und gar bestimmt. Wir machen überwiegend positive Erfahrungen, was die Zufriedenheit von Patienten und Angehörigen angeht. Und wir tun schließlich alles dafür, die Lebensqualität zu erhalten und sind keineswegs die Todesboten.

Frage: Welche spezielle Ausbildung hat das Hospiz-Personal?
Herrlein: Unser Personal setzt sich aus hauptamtlichen und ehrenamtlichen Mitarbeitern zusammen. Die hauptamtlichen Ärzte haben in der Regel besondere palliativ-medizinische Qualifikationen. Ähnlich auch die pflegerischen Kräfte, die Fortbildungen im palliativen Bereich und in der Hospizarbeit gemacht haben. Gleiches gilt für Psychologen, Sozialarbeiter und Seelsorger. Die ehrenamtlichen Hilfen werden intensiv auf ihre Tätigkeit vorbereitet.

Frage: Wie sieht es mit der Versorgung aus? Gibt es genügend Hospiz-Einrichtungen?
Herrlein: Nein. Es gibt im Saarland nur zwei stationäre Einrichtungen, das Paul-Marien-Hospiz mit 16 Plätzen und das Hospiz Emmaus in St. Wendel mit acht Plätzen. Damit sind wir im Saarland noch recht gut versorgt, denn bundesweit geht man von nur einem Hospiz-Platz auf 100 000 Einwohner aus. Danach dürfte es im Saarland nur zehn Plätze geben, wir haben aber 24. Andererseits zeigt die Belegung der beiden Einrichtungen, dass gut und gerne noch ein weiteres Hospiz betrieben werden könnte. Der entscheidende Punkt ist aber, dass es im ambulanten Bereich zu wenig Versorgungsmöglichkeiten gibt. Wir haben ambulant zwar rund zwölf Gruppierungen, aber das St. Jakobus-Hospiz in Saarbrücken ist die einzige, in der auch hauptamtliche Pflegekräfte tätig sind. Zudem bräuchten wir Saarlandweit wohnortnahe ambulante Palliativ-Versorgungen. Viel zu gering ist auch die Anzahl von fünf Palliativ-Betten, also Plätzen für Menschen, bei denen die Grunderkrankung nicht mehr behandelbar ist.

Frage: Früher sind Alte und Schwerstkranke meist in ihren Familien gestorben, heute haben viele Angehörige große Probleme mit der Sterbebegleitung. Warum ist der Tod in unserer Gesellschaft ein Tabu?
Herrlein: Ein Grund dafür liegt wohl darin, dass unsere Gesellschaft stark von Werten geprägt ist, die am entgegengesetzten Pol liegen - fern des Alterns, des Gebrechlichwerdens, der Schwäche. Stärke ist gefragt, man muss sportlich sein, jung, vital, gesund. Das ist ein wesentlicher Faktor, aber sicher nicht der einzige. Denn auch in früheren Zeiten wollten die Menschen gesund bleiben, haben gern lange gelebt, waren sportlich und tatkräftig. Und auch früher sind viele Menschen nicht zu Hause gestorben, wurde der Tod häufig tabuisiert. Ganz wesentlich ist heute aber, dass sich Familien- und Versorgungsstrukturen massiv verändert haben. Zudem haben wir ein hochmodernes und hochentwickeltes System der medizinischen Versorgung, in dessen Zuge das Sterben aber keinen Platz mehr hat. Eine andere wichtige Ursache sind auch die religiösen Momente, die immer mehr aus unserer Gesellschaft verschwinden.

Frage: Ihre Bewegung ist ein erklärter Gegner der aktiven Sterbehilfe und hat sich kürzlich auch im Rahmen ihrer Legalisierung in den Niederlanden eindringlich zu Wort gemeldet. Was ist Ihrer Meinung nach inhuman an der Sterbehilfe?
Herrlein: Ich bin der festen Überzeugung, dass dabei nur von einem vermeintlichen Patientenwillen ausgegangen wird, der eigentlich so nicht gegeben ist. Denn ein Mensch, der nach aktiver Sterbehilfe verlangt, muss an unerträglichen Schmerzen oder an tiefen Depressionen leiden. Unter diesem Leidensdruck ist der Wunsch nach dem Tod durchaus verständlich, aber keinesfalls kann von einem freien Willen gesprochen werden. Die Konsequenz kann also nicht aktive Sterbehilfe sein, sondern sie muss darin bestehen, den Leidensdruck zu mindern. Und da gehen die Niederländer meiner Meinung nach den falschen Weg. Denn dort werden die medizinischen Möglichkeiten ganz offensichtlich nicht ausgeschöpft. Das holländische Gesetz dient dazu, euthanasierende Ärzte zu schützen, es ist aber keinesfalls ein Schutz für sterbenskranke Menschen.

IRIS NEU, Paul Herrlein - 21. Juli 2001


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